Schleudertrauma
  1. Procedere
  2. Allgemeine Information über das derzeitig gehandhabte Vorgehen
  3. Begriffe
  4. Pathophysiologie
  5. Diagnostik
  6. Therapie
  7. Unfallmechanismus
  8. Begutachtung

 

  1. Procedere

    Über das sogenannte Schleudertrauma gibt es hinsichtlich klinischem Bild, Pathophysiologie, betroffenen Strukturen, Diagnostik und Behandlungskonzepten keine auch nur annähernd als gesichert anzusehenden wissenschaftlichen Erkenntnisse. Die Expertengruppe wird die hier vorgestellten Leitlinien der Stufe 1 in den kommenden Monaten durch gezielte wissenschaftliche Untersuchungen ergänzen mit dem Ziel der Entwicklung von S 2 – Leitlinien. Nicht Gegenstand dieser Leitlinie sind chirurgisch zu versorgende Fälle, also z.B. knöcherne Beteiligung oder diskoligamentäre Instabilität. Diese Verletzungen sind nicht Gegenstand strittiger Diskussion.
  2. Allgemeine Information über das derzeitig gehandhabte Vorgehen

    1995 wurde eine sehr große Metaanalyse von der Quebec Task Force vorgelegt. Dabei wurden von 10.036 Arbeiten, die in den vorangegangenen 15 Jahren, also von 1980-1994, publiziert worden waren, ganze 62 (!) als solide wissenschaftliche Arbeiten identifiziert (Spitzer et al. 1995).
    In einer Analyse des Hauptverbandes der gewerblichen Berufsgenossenschaften wird berichtet, dass 67.292 meldepflichtige Fälle mit HWS-Distorsion im Jahr 2000 zu ca. 150 neuen Unfallrenten pro Jahr geführt haben bei rückläufiger Tendenz (HEHLING, 2002).
  3. Begriffe

    Unter „Schleudertrauma“ wird von den meisten Autoren (Übersicht bei KÜGELGEN 1995) ein Syndrom verstanden, das häufig nach Pkw-Unfällen - unmittelbar oder nach Stunden - auftritt und sich in Nackenschmerzen, die in den Kopf ausstrahlen können, einer verminderten aktiven Beweglichkeit des Halses sowie einem auffälligen Palpationsbefund der Nackenweichteile äußert. Es gibt zahlreiche Synonyme, von denen sich aber keines durchgesetzt hat (KAMIETH 1990). Von geschätzt etwa 160.000 jährlichen Verletzungen sind ca. 5.000 – 10.000 einer schwereren Natur und gehen mit Knochenbrüchen und / oder einer diskoligamentären Instabilität einher. Der Rest sind leichtere Verletzungen, von denen die meisten von selbst – mit und ohne Therapie – ausheilen. 10 – 20% davon allerdings nehmen einen bis heute nicht erklärlichen langwierigen Verlauf. Dies sind die eigentlichen Problemfälle (KEIDEL 2000).
  4. Pathophysiologie

    Liegen keine schwereren Verletzungen vor, also keine knöcherne Verletzung und / oder keine objektivierbare diskoligamentäre Instabilität, wird bisher von einer Distorsion der Halswirbelsäule ausgegangen.
    Eine Distorsion spielt sich ab an einem Gelenk bei
    1. Bewegung in unphysiologischer Richtung oder
    2. übermäßiger Bewegung in physiologischer Richtung (ROMPE 1998).
    Nicht zum Konzept der Distorsion passt, dass
    1. ein solcher Bewegungsausschlag gerade bei den leichten Heck-Unfällen eben gar nicht vorkommt bzw. diese durch die Kopfstütze verhindert wird;
    2. sich bei einem großen Teil (ca. ¾ der Fälle, KEIDEL 2000) ein sog. freies Intervall, d. h. eine Latenz von einigen Stunden, zeigt, bis sich das o. g. Syndrom entwickelt;
    3. die offensichtliche Abhängigkeit vom Trainingszustand, im Formel-1-Rennsport treten um ein Vielfaches höhere Belastungen auf, ohne dass es zu einem solchen Syndrom kommt;
    4. die Provokation des gleichen Syndromes ohne Unfall alleine durch eine Fehlbehandlung (Folgeschaden nach Schanz´scher Krawatte).
    Zudem hat die Halswirbelsäule nicht ein, sondern ein ‡ Gelenke (rechts und links je ‡, eins vor, eins hinter dem Dens)
    Der besonders vom epiduralen Hämatom übernommene Ausdruck „freies Intervall“ beschreibt eine Zeitspanne zwischen Unfall und dem Zeitpunkt, wann der Verletzte erstmals Beschwerden im Sinne von Schmerzen und veränderter Beweglichkeit angibt. In den allermeisten Fällen wird diese Zeit mit einigen Stunden angegeben. Patienten verhalten sich bis dahin geordnet, lassen durchaus andere Verletzungen versorgen, bevor sie fast auf die Minute genau den Beschwerdebeginn angeben. Dies kann vor allem in dieser Häufigkeit nicht einer Unaufmerksamkeit oder einer Ablenkung zugeschrieben werden. Es gibt hierfür nur eine plausible Erklärung: Die Schmerzen sind erst Stunden später aufgetreten und entsprechen damit eben nicht einem freien Intervall zwischen 2 Ereignissen, sondern einer Latenz.
    Trotz einer großen Zahl von Untersuchungen ist das Konzept der Distorsion nicht plausibel. 84 % der so gestellten Diagnosen werden rückwirkend als nicht überzeugend, 10 weitere Prozent als fraglich bewertet (EISENMENGER, SCHULLER 1993). Offensichtlich liegen hier verschiedene Kriterien für die Diagnosestellung vor. Bei einer solchen Unklarheit in der Diagnostik entsteht ein Gutachterstreit geradezu zwangsläufig.
    Wesentlich plausibler, wenngleich ebenfalls nicht bewiesen ist das neue Konzept einer Muskelfunktionsstörung, die sich bevorzugt bei PKW-Kollisionen an einer reflektorisch angespannten Halsmuskulatur abspielen soll:
    Nach einer primär auf die Nervi clunium auftreffenden Kraft (positive oder negative Beschleunigung der Fahrgastzelle, die über den Autositz auf die Nervi clunium übertragen wird) spannen sich die Halsmuskeln 60 msec später an, bevor 30 msec, also 90 msec nach Reizung der Nervi clunium, eine erste Kopfbewegung einsetzt. Diese zeitlichen Abläufe sind experimentell nachgewiesen (MEYER 1998). Selbst geringe auftretende Kräfte können von der wahrscheinlich betroffenen tiefen Nackenmuskulatur nicht gehalten werden. Es kommt zu einer supramaximalen exzentrischen Muskelkontraktion, also einer Kontraktion des Muskels bei gleichzeitiger Längenzunahme, die beim Untrainierten zu einem überdurchschnittlich großen Zerfall von Actin-Myosin-Molekülen führt, was einen entzündungsähnlichen Prozess im Muskel auslöst, der einige Stunden später zu Schmerzen führt, auch mit einer Schwellung des Muskels durch vermehrte Wasseraufnahme einhergeht, der vermehrt palpations- und druckempfindlich wird, zudem auf Dehnung mit vermehrten Schmerzen reagiert, eine verminderte Kraft und eine verminderte Ausdauer zeigt. Auch diese supramaximalen exzentrischen Muskelkonktraktionen sind experimentell gut untersucht (BAUM 2001). Die sich in möglicherweise später in dieser Muskulatur entwickelnden Verhärtungen werden Trigger Points genannt und können mit Projektionen einhergehen, also Schmerzen in den Armen, aber auch Missempfindungen im Kopfbereich bis in das Gesicht.
    Solche Muskelfunktionsstörungen entwickeln sich gesetzmäßig. Nach Tagen nimmt der Wassergehalt dieser Muskulatur wieder ab, die Schmerzen gehen zurück und die alte Leistungsfähigkeit kommt nach Tagen bis wenigen Wochen zurück (BAUM 2001). Diese physiologische Entwicklung wird durch eine Ruhigstellung des Muskels wie durch eine Schanz´sche Krawatte offensichtlich verhindert, es kann zusätzlich durch die Immobilisation zu Schmerzen und zu Funktionsbeeinträchtigungen bis hin zu einer deutlich verminderten Belastbarkeit dieser Muskulatur kommen. Dann ist die Selbstheilung oft nicht mehr möglich, es kommt zu dem Phänomen der Dekonditionierung mit immer weiterer Entlastung der Muskulatur und vermehrten Schmerzen, vermehrten Verhärtungen, Verkürzungen und verminderter Leistungsfähigkeit. Schließlich werden diese Muskeln unbewußt weitgehend aus dem spontanen Bewegungsablauf herausgenommen, die Halsbeweglichkeit wird durch erhebliche Verkürzung dieser Muskeln weitgehend eingeschänkt und sehr schmerzhaft. Ab wann und wie stark sich dann ein Chronifizierungsprozeß im Sinne des biopsychosozialen Krankheitskonzeptes entwickelt, hängt nicht nur von den Schmerzen, sondern auch vom sozialen Umfeld (Context Factors) des Erkrankten ab.
    Sportphysiologen ist eine solche supramaximale exzentrische Muskelkontraktion bei Untrainierten gut bekannt. Sie beobachten diese z. B. bei Trainingsaufnahme im Spätsommer bei Bobfahrern, aber auch vielen anderen vergleichbaren Belastungen, also auch ohne Unfallereignis (BRÜGGEMANN 2001).
    Die bisherigen Beobachtungen (KÜGELGEN 2001) sprechen dafür, daß neben dem schlechten Trainingszustand und der unzweckmäßigen Immobilisation auch anlagebedingte Voraussetzungen eine wichtige Rolle spielen, warum bei einem Teil der Verletzten diese Entwicklung eintritt: Frauen sind offensichtlich deutlich häufiger betroffen, zudem spielt die sogenannte Überbeweglichkeit im Sinne einer Bänderlaxheit eine wesentliche Rolle.
    Ob zusätzlich auch Weichteilveränderungen im Sinne einer Zerrung oder Gelenkveränderungen im Sinne einer Gelenkkapseldehnung eine Rolle spielen, muß erwogen und untersucht werden. Dies erscheint zumindest denkbar bei zeitnah zum Unfall auftretenden Beschwerden, schwer vorstellbar bei stundenlanger Latenz.
  5. Diagnostik

    Der nach dem Unfall zu beobachtende „Gesundheitsschaden“ ist in der Literatur strittig: KEIDEL (2000) in „Das Neurologische Gutachten“ über „Beschleunigungsverletzung der Halswirbelsäule“ (S. 408 ff) listet hierzu auf:
    Klinik des „Primärschadens“
    Nackensteife 90 %
    Schulter-Nacken-Verspannung 100 %
    brachiale Ausstrahlung 27 %
    interskapuläre Ausstrahlung 16 %
    Nacken-Kopfschmerz 90 %
    Zusälich lumbale Beschwerden 25 %
    evtl. + vegetative + neurasthenische Syndrome
    Einziges, immer anzutreffendes Symptom wäre demnach Schulter-Nacken-Verspannungen, noch nicht einmal Nacken-Kopfschmerzen wären obligat. Dies ist in allen anderen aktuellen Lehrbüchern nicht besser festgelegt.
    Daß sich bei solchen Mängeln bei der Festlegung des Gesundheitsschadens in der Begutachtung Meinungsverschiedenheiten auftun, kann dann nicht mehr verwundern.
    Es ist also festzuhalten, daß es über Beschwerden und Befunde des Gesundheitsschadens bei einem „leichten“ Schleudertrauma bisher keine eindeutige Meinung gibt.
    Die Hypothese der Muskelfunktionsstörung macht die auftretenden Beschwerden und Befunde verständlicher. Ein Gesundheitsschaden kann nun beschrieben werden. Treten Beschwerden auf, ist durch eine Untersuchung zu sichern, ob sich die folgende Befunde bei der klinischen Untersuchung nachweisen lassen:
    • eingeschränkte aktive Beweglichkeit des Halses
    • eingeschränkte passive Beweglichkeit des Halses
    • schmerzbedingte Abwehr auf Muskeldehnung
    • schmerzbedingte Abwehr auf Palpation
    • schmerzbedingte Abwehr auf Druckpalpation
    • erhöhte Muskelspannung
    • umschriebene Verhärtungen der Muskulatur mit provozierbaren Projektionen
    • umschriebene, sehr druckschmerzhafte Schwellungen im Bereich der Wirbelgelenke
    Es darf aber nun nicht mehr gefordert werden, als bei einer solchen Verletzung möglich ist. Es handelt sich vorwiegend um klinische Symptome, apparative Befunde sind bei solchen Verletzungen oft nur begrenzt verfügbar und hilfreich. Wenn es stimmt, dass die gleichen Beschwerden und Befunde nur durch das Tragen einer Schanz’schen Krawatte hervorgerufen werden können, dass Sportphysiologen diese Veränderungen bei vielen Vorgängen bei Untrainierten beobachten, dann kann die Diagnose eines sog. Schleudertraumas nie anhand allein eines Unfallmechanismus gestellt werden, ebenso wenig kann allein eine Unfallanalyse zum Ausschluss eines Körperschadens bzw. einer Gesundheitsstörung führen. Vielmehr ist im Gutachtenfall sogar die Rolle des Unfalles zu gewichten (s.u.).
    Berufsgenossenschaftlich Versicherte müssen bei Verdacht auf einen Arbeitsunfall einen D-Arzt aufsuchen, die unfallärztliche Diagnostik schließt eine knöcherne Beteiligung und eine diskoligamentäre Instabilität aus, ansonsten erfolgt unfallärztliche Betreuung, die unstrittig ist. Der Unfallarzt entscheidet, inwieweit er hierzu bildgebende Verfahren benötigt.
    Bei zeitnah zum Unfall auftretenden Beschwerden und Befunden ist eine strukturelle Läsion möglich, bei einer stundenlangen Latenz nicht mehr. Dann spricht vieles mehr für eine funktionelle Schädigung im Sinne der oben dargestellten Muskelfunktion. Hierbei sind Schädigungen am Nervensystem sehr ungewöhnlich, Missempfindungen in den Armen und in Kopf und Gesicht sind sehr viel wahrscheinlicher muskulär bedingte Projektionen als Irritationen von Einzelnerven oder Nervenwurzeln. Hilfreich ist der Muskelbefund: verschlechtert er sich, nehmen die Projektionen zu, bessert er sich (Eis, Dehnung), nehmen die Projektionen ab.
    Stadien des Schleudertraumas
    Stadium 2 Stadium 1 Stadium 0
    Strukturelle Läsion Funktionelle Störung oder evtl. leichte strukturelle Läsion ohne besondere Behandlungsbedürftigkeit
    gesund
    Treten nach Tagen erst Beschwerden auf
    Simulant oder
    Fortbestehende Vorerkrankung oder
    Behandlungsfehler (Folgeschaden)
    Im weiteren Verlauf können dann immer mehr Zeichen der Chronifizierung auftreten. Der Muskelbefund verändert sich dahingehend, dass die aktive und passive Beweglichkeit des Halses immer weiter eingeschränkt wird, die Belastbarkeit nimmt weiter ab, Beschwerden treten immer früher auf, die Muskulatur wird immer weniger spontan eingesetzt. Psychisch sind die Kranken verunsichert, fühlen sich besonders durch Verdächtigungen und Unterstellungen gekränkt und suchen zunehmend nach Genugtuung. Bei zunehmendem Arrangement mit der Erkrankung und sekundärem Krankheitsgewinn können sie schließlich unbehandelbar im Sinne der Chronifizierung werden. Diese Entwicklung ist differentialdiagnostisch abzugrenzen gegen
    • Vorschäden, die aber als Krankheiten und nicht nur anhand von Röntgenbefunden nachzuweisen sind, im Rahmen der gesetzlichen Unfallversicherung ebenfalls mit dem Wahrscheinlichkeitsgrad des Vollbeweises;
    • psychische Störungen, die häufig sind, es ist zu unterscheiden zwischen einer Komorbidität (Angst, Depression), einer unzureichenden Krankheitsbewältigung und einer sich allmählich entwickelnden somatoformen Störung, für die das Unfallereignis Auslöser gewesen sein kann, ebenso natürlich einer unangemessenen Begehrenshaltung. Diese sollte sich bei sachlich fundierterem Umgang mit den Verletzten auf das bei anderen Krankheiten übliche Maß reduzieren.
    • Eine immer wieder diskutierte Verletzung der Ligamenta alaria (DVORAK 1987) ist eine mögliche, aber schwere Verletzung mit heftigen initialen Symptomen, meist im Sinne der zervikookzipitalen Instabilität, die einem erstuntersuchenden Unfallarztnicht entgehen sollte. Die heute vorgelegten Beschreibungen von Kernspintomographien sind allenfalls Narben. Wenn sie bei leichten Unfällen mit stundenlanger Latenz auftreten könnten, wären sie natürlich auch vielen anderen Ereignissen zuzuordnen.
    • Gerade aus neurologischer Sicht zurückzuweisen ist die Annahme sogenannter zervikoenzephaler Syndrome, die anhand einer in der sonstigen Diagnostik nicht etablierten Testbatterie, meist ohne klinischen neurologischen Befund, festgestellt werden. Die Befunde entsprechen keinem sonst bekannten Hirnstammsyndrom, alleine ihre prompte, wenn auch meist nur zeitlich begrenzte Behandelbarkeit durch manualmedizinische Techniken im Bereich des zervikookzipitalen Überganges schließen eine eigenständige Hirnerkrankung aus.
  6. Therapie

    Die Erstbehandlung besteht in einer umfassenden Information des Patienten sowie klaren Handlungsanweisungen:
    • ⇔ ⋅ unangenehme, aber grundsätzlich heilbare Erkrankung
    • ⇔ ⋅ einige Tage bis wenige (maximal 4) Wochen Belastungsreduktion (kein Leistungssport, keine schwere körperliche Arbeit)
    • ⇑ ⋅ natürliche Bewegungen soweit möglich („act as usual“)
    • ⇔ ⋅ intermittierende Entlastung ja
    • ⇑ ⋅ durchgehendes Schonung (z.B. Bettruhe) nein
    • ⇑ ⋅ keine Immobilisation
    • ⇔ ⋅ Kälte, keine Wärme
    • ⇔ ⋅ bei Bedarf z.B. Paracetamol
    • ⇔ ⋅ Krankschreibung sinnvoll, nicht zwingend, allenfalls im Wochenrhythmus, maximal 4 Wochen
    Diese Patienten können kommunikativ anspruchsvoll sein. Auf eine mögliche Kränkung bei Fremdverschulden ist zu achten, eine angemessene Einschätzung des Unfalles wichtig: unangenehm, aber heilbar, keine Geringschätzung, kein Aufbauschen. Dem Kranken muß die Rolle der Muskulatur erläutert werden, die nicht strapaziert, aber auch nicht geschont werden darf SCHNABEL et al. 2002).
    Eine wöchentliche Konsultation begleitet die Spontanheilung. Ist nach 4 Wochen keine Heilung erfolgt bzw. in Sichtweite, ist nach Verhaltensfehlern zu fahnden, nach sog. Yellow Flags (besondere biographisch belastende Umstände, die einen Umgang mit der Krankheit erschweren), einer übersehenen Erkrankung (Vorerkrankung, Komorbidität, Fehldiagnose). Davon ist abhängig zu machen, ob der Wiedereinstieg in die Diagnostik oder eine Intensivierung der Therapie (Physiotherapie, Manuelle Therapie) erforderlich ist.
    Spätestens nach 8 Wochen ist eine intensive Suche nach Gründen für den ausbleibenden Therapieerfolg erforderlich und ggf. eine aufwendigere Therapieform (ergebnisorientiertes multimodales Programm) einzuleiten. Eine Chronifizierung muss unbedingt vermieden werden.
    Diese Behandlung besteht aus einem speziellen, aus dem Göttinger Rücken Intensiv Programm (GRIP) entwickelten Therapie, die sich in einer Pilotstudie als sehr effektiv erwiesen hat. Sie besteht aus einem multimodalen Programm, das unter Berücksichtigung psychologischer, psychotherapeutischer Faktoren die Rekonditionierung der Muskulatur zum Ziel hat und ausgesprochen anstrengend und anspruchsvoll ist. Es besteht aus einer sorgfältigen Vorauswahl, aus einem mehrwöchigen teilstationären Programm und einer mehrmonatigen Nachbehandlung. Therapieziele sind alltagstaugliche Belastbarkeit und zunehmende Autonomie des Patienten, es handelt sich nicht primär um eine kurzfristige Schmerzbehandlung.
    Auswahlkriterium sind das Ausmaß der Chronifizierung und die Fähigkeit des Kranken, sich auf ein neues Krankheitskonzept und eine neue Therapie einzulassen und eine Bindung an Arzt und Therapeuten einzugehen.
  7. Unfallmechanismus

    Bewegungsanalysen zeigen aber nun, dass es wenigstens beim leichten Auffahrunfall gar nicht zu diesen Bewegungsausschlägen kommt, die erst zu einer Distorsion führen können. Zurecht war lange Zeit der Heckaufprall der typische Mechanismus für eine Distorsion, weil nur bei ihm die anatomischen Verhältnisse der Halswirbelsäule ein weites Ausschlagen des Kopfes nach hinten gestatten. Tatsächlich finden sich aber völlig verschiedene, gar nicht miteinander zu vereinbarende Unfallmechanismen. KEIDEL (2000) berichtet von folgender Verteilung:
      Auf 100 Fälle mit Heckaufprall kamen
    •   30 Überschlag
    •   24 Seitaufprall
    • ⇔ 23 Frontaufprall
    Die sich hierbei abspielenden Mechanismen und die daraus folgenden Krafteinwirkungen auf den Körper sind völlig verschieden SCHNABEL et al. 2001).
    Die Unfallanalyse wurde eine Zeitlang als eine willkommene Lösung angesehen, die Schwierigkeiten in Anamnese, Beschwerdebild und klinischem Befund auszugleichen, indem man sog. verlässliche Daten glaubte zu haben.
    Dabei sind eine ganze Reihe von gravierenden Denkfehlern unterlaufen:
    Zunächst ist unstrittig, dass es das gleiche klinische Bild auch ohne Verletzungen gibt, wie dies durch den Versuch an gesunden Krankengymnasten schon lange nachgewiesen worden ist, die drei Tage eine Schanz’sche-Krawatte trugen. Gerade diese Behandlung ist ja bei Fällen, bei denen überhaupt keine Verletzung erlitten worden ist, als krankmachend angeschuldigt worden, es handelt sich dann im versicherungsrechtlichen Sinne um Folgeschäden bzw. Therapieschäden.
    Da der klinische Befund aber so unklar ist, wie oben unter primärem Verletzungsbild beschrieben, ist es natürlich sehr schwer, ein Abbild des Körperschadens in einer apparativen Diagnostik, und hierum handelt es bei der Unfallanalyse, zu finden. Es ist ja gar nicht klar, was abgebildet werden soll.
    Bei den Unfallanalysen zur Ermittlung einer grenzwertigen Unfalldifferenz D V zwischen den beiden kollidierenden Fahrzeugen („Harmlosigkeitsgrenze“) steht der Heckaufprall im Mittelpunkt des Interesses. Die Untersuchungen von KEIDEL zeigen aber, dass es eine ganze Reihe von völlig unterschiedlichen Unfallmechanismen gibt, die völlig anders als der Heckaufprall auf den Körper einwirken.
      Eine genauere Analyse der Berichte von MEYER et al. zeigt, dass
    • in den Untersuchungen Gesunde, meist sportliche Krankengymnasten als Versuchspersonen untersucht wurden, deren Trainingszustand eben nicht berücksichtigt wurde;
    • einige der Versuchspersonen sehr wohl Beschwerden hatten, aber keine von ihnen wurde einem üblichen Missmanagement (z. B. Schanz’sche Krawatte, Schonung) unterzogen.
    Dass extreme Belastungen wie Unfälle im Formel-1-Sport nie zu solch einer Verletzung wie dem Schleudertrauma führen, lässt den Verdacht aufkommen, dass der Trainingszustand und das Management eine erhebliche Rolle spielen. Wenn es das gleiche klinische Bild ganz ohne Unfall gibt und andererseits extreme Belastungen ohne Verletzung einhergehen können, besteht keine Korrelation zwischen Unfallmechanismus und Wahrscheinlichkeit einer Verletzung und Ausmaß einer Verletzung. Zudem ist nicht korrekt, dass bei vielen unfallanalytischen Untersuchungen der Messfehler nicht regelmäßig angegeben wird.
    Ganz offensichtlich besteht also bei den leichten PKW-Unfällen eben keine Beziehung zwischen Unfallmechanismus einerseits und Wahrscheinlichkeit und Ausmaß eines Gesundheitsschadens. Damit ist ein wichtiger Grundsatz bei der Bewertung (LEMCKE 1998) solcher leichter Verletzung widerlegt: Den nach dem Augenschein angenommenen Zusammenhang zwischen Ausmaß der Krafteinwirkung und Verletzungswahrscheinlichkeit gibt es bei leichten Krafteinwirkungen nur begrenzt! Hier spielen vielmehr Trainingszustand und anschließendes Management eine wesentliche, vielleicht genauso große Rolle wie die Krafteinwirkung. Auch dieses lässt sich täglich beobachten: Unfallmechanismen im Arbeitsleben, die zu Verletzungen führen, werden im Sport in großer Zahl problemlos überstanden.
  8. Begutachtung

    Die wissenschaftliche Lage zum Schleudertrauma ist desolat, es findet sich eine riesige Zahl an Publikationen, nur eine kleine Handvoll von Arbeiten ist von der Methodik überhaupt als seriös anzusehen. Eine einheitliche wissenschaftliche Aussage kann aus dieser Literatur nicht herausgelesen werden.
    Nimmt man all dies zusammen, so muss die derzeit gehandhabte Begutachtung als unsicher interpretiert werden. Es ist unklar, was für ein Gesundheitsschaden als Grundlage für eine evtl. spätere Anerkennung vom Gutachter erwartet und gefordert wird, hierüber gibt es nur sehr vage und sehr widersprüchliche Aussagen, insbesondere das freie Intervall (besser: Latenz) ist bisher völlig unklar.
    Nicht akzeptabel ist die Unterstellung einer Distorsion, die dann modellhaft begutachtet wird, nämlich sie habe nach einer bestimmten Anzahl von Wochen auszuheilen.
    Auch gibt es keine Gutachten-Medizin, die Grundsätze zur Diagnostik sind in der Begutachtung und in der klinischen Medizin gleich, nur Wahrscheinlichkeiten können anders gefordert sein.
    Wenn es sich tatsächlich bestätigen sollte, dass ein großer Teil der Chronifizierungen auf Behandlungsfehler zurückzuführen ist, wird das Konsequenzen für die Therapie haben, gleichzeitig müsste die Zahl dieser unerklärlichen chronifizierten Verläufe deutlich zurückgehen.
Diagram Schleudertrauma
Verlauf

 


Literatur

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Das sogenannte Schleudertrauma der Halswirbelsäule Koblenzer Konsensus 2002, erstellt von folgender Expertengruppe:

Leitend und federführend:

Kügelgen Bernhard, Dr. med., Neurologe, Psychiater, Physikalische und Rehabilitative Medizin, Leitender Arzt des Therapiezentrum Koblenz®, Emil-Schüller-Str. 23-29, 56068 Koblenz

Baum Klaus, Prof. Dr. rer. nat., Physiologe, Prof. Dr. Baum GmbH, Dürenerstr.411, 50858 Köln - Stadtwaldviertel

Baumgaertel Friedrich, Prof. Dr. med., Chirurg, Chefarzt der Klinik für Unfall-, Wiederherstellungs- und orthopädische Chirurgie, Evang. Stift St. Martin, Johannes-Müller-Str. 7, 56068 Koblenz

Breckner Johann, Chirurg, LVA Rheinland-Pfalz, Eichendorffstr. 8, 67346 Speyer

Keidel Matthias, Prof. Dr. med., Neurologe und Psychiater, Chefarzt der Neurologischen Klinik und der Klinik für Neurologische Rehabilitation, Bezirkskrankenhaus, Nordring, 2, 95445 Bayreuth

Kügelgen Cecilija, Physiotherapeutin, Therapiezentrum Koblenz®, Emil-Schüller-Str. 23-29, 56068 Koblenz

Rompe Gerhard, Prof. Dr. med., Orthopäde, Physikalische und Rehabilitative Medizin, ehem. Leiter der Gutachten-Ambulanz, Orthopädische Universitätsklinik Heidelberg, Schlierbacher Landstr. 200a, 69118 Heidelberg

Schnabel Michael, Prof. Dr. med., Chirurg, Ltd. Oberarzt der Unfallchirurgischen Universitätsklinik, Klinikum Lahnberge, 35043 Marburg