Geschichte der Fibromyalgie

Das Fibromyalgie-Syndrom ist ein bereits in historischen Zeiten beschriebenes Krankheitsbild. Smythe (1989) gab in seinem historischen Überblick Beispiele berühmter Persönlichkeiten (z. B. Florence Nightingale und Charles Darwin) an, sie seien „lifelong invalids, yet lived to a ripe old age“.

Es wurden bereits Anfang des letzten Jahrhunderts verschiedene pathogenetische Modelle zur Entstehung der Fibromyalgie diskutiert. Scudamore (1816) vermutete einen Entzündungsprozeß des Bindegewebes („white fibrous tissue“), Balfour (1816) beschrieb verhärtete Knötchen („indurated nodules“). Gowers (1904) prägte den Begriff der Fibrositis und diskutierte entzündliche Veränderungen des Bindegewebes. Slocumb (1936) und Stockman (1940) beschrieben in ihren histopathologischen Arbeiten Entzündungsreaktionen im Bindegewebe mit Hyperplasie und Fibroblastenproliferation. Diese histopathologischen Befunde wurden allerdings in der Arbeit von Copeman & Ackerman (1944) widerlegt.

Der Terminus Fibrositis wurde im folgenden seltener gebraucht. Im engeren Sinn beschrieb er in der Folge einen Schmerz der Weichteilgewebe ohne röntgenologisch fassbare Veränderungen oder laborchemische Veränderungen. Travell und Bonica führten die (seinerzeit noch synonym benutzten) Begriffe „trigger points“ und „tender areas“ ein. Synonym zum Begriff der Fibrositis wurden das myofasziale Schmerzsyndrom, die myofasziale Myositis und die Fibromyositis gebraucht. Einige Autoren vermuteten eine entzündlich-rheumatische Genese der Fibromyalgie, u. a. Christie (1958) (non-articular Rheumatism) und Müller (1974) (Weichteilrheumatismus). Mathies (1975) ging mehr von einem mechanischen Krankheitskonzept aus und benutzte den Begriff der generalisierten Insertionstendopathie.

Dass psychische/psychologische Faktoren zur Entstehung oder Modulation des Schmerzempfindens beitragen konnten, beschrieb Lowman (1955) durch den Begriff des „Psychogenic Rheumatism“.

Die bisher gebrauchten Begriffe tauchten erst in den 70er Jahren wieder in Systematiken der Rheumatologie auf. Der eigentliche Begriff Fibromyalgie (= Fibromyalgia) wurde erstmals von Hench (1976) im Rheumatism Review der American Rheumatological Association gebraucht.

Smythe (1972) führte aus, der Begriff der Fibrositis sei unscharf und schwer beschreibbar, er kennzeichnete das Krankheitsbild durch verbreitete Schmerzen und Steifheit, die länger als drei Monate anhielten, verbunden mit einer ausgeprägten lokalen Hyperalgesie, einer chronischen Müdigkeit und Schlafstörungen. Zusätzlich sei eine depressive Verstimmung häufig beteiligt. In der Folge wurden von Smythe klarere diagnostische Kriterien etabliert. Die Abgrenzung der „Primary Fibromyalgia“ vom psychogenen Rheumatismus geschah durch Yunus (1981).

Smythe unterschied 1986 die bei der Fibromyalgie kennzeichnenden tender points vom übertragenen Schmerz („referred pain“). Charakteristisch für die Fibromyalgie sei das Vorhandensein von Allgemeinsymptomen und der Befall mehrerer anatomischer Regionen. Vergleichbare diagnostische Kriterien wurden von Lautenschläger im deutschsprachigen Raum aufgestellt.

Weit verbreitet sind derzeit die vom American College of Rheumatology aufgestellten Kriterien der Fibromyalgie (1990).

Seitdem wurden die unterschiedlichsten pathogenetischen und ätiologischen Modelle der Fibromyalgie diskutiert. Häufig wurden Veränderungen des Alpha-Rhythmus im Non-REM-Schlaf (Moldofsky 1975) oder Störungen in der freien Plasma-Tryptophan-Konzentration beschrieben. Es wird eine zentral-nervös bedingte erhöhte Schmerzempfindlichkeit angenommen.

Andere Autoren fanden einen Zusammenhang mit einer Unterfunktion der Schilddrüse (Wilke 1981). Payne beschrieb beim Krankheitsbild der Fibromyositis signifikant mehr psychologische Störungen als bei der rheumatoiden Arthritis oder anderen Arthritisformen.

Lund (1986) fand eine verringerte Sauerstoffsättigung im Muskel bei der primären Fibromyalgie. Buchwald und Kollegen beschrieben Symptome einer aktiven Epstein-Barr Virus-Infektion, jedoch ohne gehäufte Antikörper-Titer.

Auf psychosomatischem Gebiet beschrieb Egle (1989) bei Fibromyalgie-Patienten und psychogenen Schmerzpatienten in gleichem Maße vorliegende emotionale Labilität, unreife Abwehrmechanismen, gehemmte Aggressivität und hypochondrische Krankheitsbefürchtungen.

Bennett (1989) stellte eine stark herabgesetzte aerobische Fitness bei über 80 % der betroffenen Frauen fest, es ließ sich jedoch nicht eindeutig entscheiden, ob dies ein relevanter Faktor der Pathogenese sei oder Ausdruck einer schmerzbedingten Inaktivität.

Neben den beschriebenen neuro-endokrinen Modellen wurden auch eine geringere Sekretion von Thyreotropin, eine vermehrte Prolactin-Ausschüttung, ein verringerter Serumspiegel von Calcium und Calcitonin, eine vermehrte ACTH-Freisetzung und andere hormonelle Störungen beschrieben. Im Bereich des Muskels fand Jubrias (1994) eine vermehrte Phosphodiester-Resonanz im MRT als Hinweis auf ein abnorm angelegtes Sarkolemm. Mountz (1995) beschrieb einen reduzierten cerebralen Blutfluss sowohl im Thalamus als auch im Nucleus caudatus.

Elektrophysiologisch wurde von Lorenz 1998 eine Amplitudenerhöhung der N1- und P2-Gipfel in den somato-sensibel evozierten Potentialen als Ausdruck einer Hyperalgesie und Hypervigilanz bei Fibromyalgie-Patienten nachgewiesen. Die neuesten Arbeiten (Salerno, 2000) zeigten bei Einzel- und Doppel-Magnetstimulation gestörte corticale motorische Funktionen als Ausdruck veränderter Schmerzwahrnehmung und -leitung.